ERDE – DIE BASILICATA 

Metaponto am ionischen
Meer: im Vorbeifahren sehen wir
die restlichen Säulen eines griechischen
Tempels, die „tavole palatine“.
Hier landeten ca. 700 v.Chr. Achäer
(aus Griechenland) und gründeten an
den süditalienischen Küsten das so
genannten Grossgriechenland,
die Magna Grecia, Bauern, Händler,
Kunsthandwerker… Bei Metaponto
verlassen wir die Küste und stechen
quasi im rechten Winkel ins
Landesinnere der Basilicata.

 

 

 

 

 

 

 

BLICK INS VALLE
DEL BASENTO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PISTICCI

Rasch sind wir auf der
westlichen Krete über
dem Tal, in Pisticci.
Uns interessiert die
einzigartige Anlage
der alten Stadt. Wir
fahren zur alten Kirche
und beginnen
hier unseren Rundgang.
Die lange Rampe entlang
der Stützmauer, die den
Hang befestigt, führt zum
„Belvedere“. Wir blicken
auf Reihen lauter fast
gleich grosser, weiss
getünchter Häuser. Jedes
Haus ist überdacht von
einem Satteldach aus roten
Ziegeln, ohne Überstand
über die Fassade. Das alte
Dorf der Bauern, die einst für den König und die Kirche die Äcker im Tal bearbeiteten. Wie mögen sie gelebt haben einst, die Familien in Pisticci? Die Strassen zwischen den Reihen sind nicht knapp. Ich stelle mir vor, dass hier Kinder spielten, zwischen Hühnern und trocknender Wäsche, usw. hier könnte man weiter forschen. Möglicherweise ist diese Anlage von griechischen Bauten beeinflusst. Ein Stück weiter nördlich auf dieser Krete liegt Ferrandina, die Altstadt ist ähnlich angelegt. Auf diesem Bild sieht man in der Ferne das ionische Meer!

PISTICCI, BLICK NACH
SÜDWESTEN,
RICHTUNG
PARCO NAZIONALE
DEL POLLINO
Viele der kleinen Häuser sind
schön renoviert. Modernes
Spielzeug liegt bei den Eingängen,
Kindervelos, Schultornister.
Einige sind als Ferienhäuser
angeschrieben. Hier wird ruhig
gut gelebt, auch in den Ferien.
Die schönen Strände sind nicht
weit, es ist wunderbar still,
Winde kühlen die Hitze etwas ab.
Kleine Falken jagen durch
die Luft und stossen dabei
ihre spitzen Schreie aus.

FALKEN
In einer dunklen Bar nahe der alten Kirche bestellen wir einen Amaro Lucano. Es gibt wenig hier drinnen, der Barbesitzer ist ein alter Mann mit
feinen Gesichtszügen. Er sagt uns, die Falken, die wir bewundern, hätten alle Singvögel ausgerottet. Es habe einmal getönt wie in einem Konzert,
von den vielen Vogelarten. Das sei schön gewesen, jetzt sei es öd und ausgestorben hier, die Falken hätten alles verjagt.


REINIGUNG
In der Nähe des Municipio und der Piazza Umberto I waschen und glänzen die Frauen Treppenhäuser, Eingänge, Haustüren und  Gehsteige.
Beim Gespräch mit ihnen erfahren wir, dass morgen das Fest von Antonio Abate gefeiert wird, ohne Covid wäre da die Prozession, eines der grossen
Feste im Jahr, auf das sich alle freuen. In der Basilicata sind viele alte Traditionen mit Überzeugung gelebte Rituale, die dem Jahr seinen Rhythmus
geben. Diese Feste schaffen Gemeinschaft und tragen zum Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit bei.

GROTTOLE

Wir überqueren den Basento
und fahren auf den gegenüber
liegenden Hügelkamm nach
Grottole, zu unserem B&B.
Beim ersten Spaziergang zur
stattlichen Ruine einer Kirche
am Dorfrand spricht uns eine
ältere Frau an. Sie sitzt auf der
Treppe vor ihrem Haus. Ob wir kein Haus kaufen möchten, es sei sehr schön hier, nur 60 km vom Meer. Sie erzählt von ihrer Arbeit auf ihren Feldern im Tal, vom Ertrag habe man gelebt. Die Felder verkaufe sie jetzt, sie sei alt. Die Kinder? ja, die leben im Norden, ab und zu kommen sie. Sie erzählt ganz zufrieden von ihrem Leben hier. Ein Restaurant finden wir nicht, in der Bar gibt es ein Glas Wein und Chips. Junge Leute sitzen auf der Veranda, alle mit Handy, hören laut Musik, stupsen sich an. Ab und zu explodieren laute Lachsalven. Wo wird ihr Leben sie hinführen?

STIGLIANO, DAS DORF DER MURALES!
AUCH DIE WOLKEN LEGEN SICH WIE EIN BILD ÜBER DAS DORF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

STIGLIANO

Im Internet habe ich von Stigliano gelesen,
dem Dorf mit den vielen Murales. Da gehen
wir heute hin. Stigliano liegt abgelegen auf
steilen Hügeln. Die kurvige Strasse führt erst
über den Basento, dann hinein in kleine
Schluchten, hinauf  nach Accettura, dann
wieder hinunter über einen weiteren
Wasserlauf, und wieder windet sich
die Strasse hoch, jetzt nach Stigliano auf gut
900 m.ü.M.

 

 

 

 

 

 

 


ACCETTURA, EIN EXKURS OHNE BILDER, MIT EINEM LINK
In Accettura machen wir Halt, suchen ein Restaurant, nichts. Dafür sehen wir den den aufgerichteten Maibaum. Die Hochzeit der Bäume folgt einer uralten Tradition in verschiedenen Dörfern der Basilicata. Sie hat viele Bedeutungen: die Verheiratung von Erde und Himmel, die Verbindung des Sakralen mit dem Profanen, Ende des Winters und Anfang des Sommers, Fruchtbarkeit… Immer gebunden an das Fest des Beschützers des Dorfes. Diese tief verwurzelte Tradition verbindet alle und alles miteinander. Szenen dieses Festes sind in der reichen Wandmalerei auf dem Gemeindehaus festgehalten. Auch hier ein Murale.

 


WIEDER IN STIGLIANO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Dorf hat mehrere Arme, verteilt über die Hügel. Es ist Mittag, wir haben Hunger auf ein warmes Essen und suchen.
Kein Restaurant ist auf, man schickt uns von da nach dort und weiter. Zum Schluss bleiben wir in einer Bar im Zentrum. Die Barista
schickt uns zu einer Bäckerei, die auch warme Teile ausgibt. Da gehen wir hin. Wir werden herzlich begrüsst, erhalten sofort frittierte
Teigringe zum Versuchen, kaufen Brötchen und gefüllte Zucchetti. Die junge Frau möchte uns noch weiter beschenken, herzlichst.


NON ABBIAMO NIENTE E NON CI MANCA NIENTE

Zurück in der Bar lasse ich mich etwas aus über die Situation, die wir antreffen,
wie soll es denn hier weitergehen, welche Zukunft gibt es für die jüngeren Menschen.
Ich bin unruhig, spüre Unmut über diese nachlässige Haltung des laissez faire,
wie mir scheint. Da sagt die Dame hinter der Theke, „Guardi Signora, è vero,
non abbiamo niente – e non ci manca niente“.  „Sie haben Recht Madame, wir haben
nichts – und uns fehlt nichts“. Dieser Satz sitzt. Er lässt mich nicht mehr los. Bin ich
es vielleicht, die schräg liegt, mit meinem Drang vorwärts, nach mehr, nach
Tempo und Fortschritt? Was würde das bedeuten, wenn alle mit einem Lächeln sagen
könnten „ich habe nichts – und mir fehlt nichts?“, einfach im Frieden mit dem, was gerade ist?

Von den Murales finden wir nur einzelne Exemplare, es gibt keine Anzeige dazu,
kein Leitbild. Heute fehlt mir der Elan, noch lange in dem weitläufigen Dorf mehr Bilder zu suchen.
Auf dieser Webseite finden Sie mehr Information:

 

 

 

 

 

A colpi di murales contro lo spopolamento: Stigliano (Matera) punta sull’arte pubblica (giannellachannel.info)


LECCE – GROTTOLE – COSTA AMALFITANA

Dieselbe Haltung erleben wir am Abend wieder in der Bar Quaranta in Grottole. Wir treffen den Sohn der Besitzer, er serviert uns
unseren Wein und erzählt von sich: „ich hätte längst gehen können, und ich bleibe. Es geht mir gut hier, mit meiner Familie.
Ich habe Arbeit und helfe meinen Eltern. Wir empfangen die Gäste, die von Lecce auf der Durchfahrt zur Costa Amalfitana
hier essen. Ich führe sie umher, zeige ihnen die Grotten, erzähle von uns. Wir wollen sanften Tourismus aufbauen. Es ist schön
hier, wir haben alles, was wir brauchen.“

Das ist wahr, die wunderschönen und intakten Landschaften der Basilicata sind ein Geschenk an uns, gepflegte, reine Schönheit.
Ich fühle mich sehr wohl hier. Die Lukaner sind aufgeschlossene und äusserst freundliche Menschen, ist es nicht das was wir suchen?

IL VOLO DELL’ANGELO
Auf der Strecke von Stigliano Richtung Nationalstrasse fahren wir durch einen grossen Wald, fast unwirklich schön.
Vereinzelt treffen wir frei weidende Kühe, ebenso freie Pferde. Neugierig blicken sie mit ihren dunklen Samtaugen durch die Zweige
zu uns auf die Strasse. So überraschend! Ich nehme schon an, da sei irgendwo auch ein Bauer, der diese Tiere hält.
Noch ein dunkler Tunnel, und wir sind unten im Tal angekommen. Vor uns türmen sich unvermittelt die lukanischen Dolomiten auf,
hohe Felszacken, Teile einer längeren Bergkette. Dort oben, in einem Nest wie angeklebt zwischen zwei der Spitzen machen wir
Pietrapertosa aus, das Dorf das mit seinem spektakulären Engelsflug, an Seilen, über einen weiten Abgrund, wagemutige  Menschen
aus aller Welt anzieht. Il volo dell’angelo.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch eine Nacht in Grottole und dann fahren wir weiter, trunken von diesen verschiedensten Landschaften, die wir durchfahren und erlebt haben.
Beim Castello von Lagopesole gibt es PickNick, wir können uns kaum satt sehen an „unserem“ Vulkan, dem Monte Vulture. Erinnerungen
an frühere Reisen, besondere Erlebnisse und glückliche Bilder tauchen auf. Wir ziehen weiter. Kurz bevor wir eintauchen in die „grüne
Irpinia“ (Campanien) gönnen wir uns einen caffè in einer gepflegten Strassen-Bar im Ofanto-Tal. Wie so oft auf dieser Reise erzählen uns die Inhaber
von ihren Jahren in der Schweiz und ihrer eigenen Reiselust. Wir treffen zwei frohe Männer, die offen sagen „wir arbeiten nicht mehr als nötig,
DAS LEBEN IST ZU SCHÖN!“

CAIRANO UND DER MONTE VULTURE

Auf der Westseite des Monte Vulture fahren wir vorbei an Calitri nach Cairano, unserem heutigen Ziel.
Wir haben das Dorf vor zwei Jahren entdeckt und nie daran gedacht, je auf dieser Pierrot-Nase mit weiter Sicht über Land zu übernachten.
Heute schlafen wir hier, begleitet vom Monte Vulture, der in dieser mondklaren Nacht über uns alle wacht. Antonietta hat uns alles bereitgestellt
fürs Morgenessen mit dem selbst gebackenen Kuchen. Wir bekommen zudem eine  Flasche ihres samtenen, eigenen Olivenöls geschenkt.

B&B Le Ali del Vento, Cairano

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Monte Vulture ist ein sehr alter Vulkan, letzte Eruption vor 40 000 Jahren, andere Quellen geben an vor 130 000 Jahren.
Er steht da, wo sich Apulien, die Basilicata und Kampanien treffen. Die Erde ist fruchtbar, es gedeihen herrliche Weine!

ARM ODER REICH?

Die Basilicata ist an sich die reichste italienische Region, reich an Bodenschätzen. Im Moment gilt sie als eine der armen Regionen des Landes.
Die Abwanderung ist gross. Ich erlebe hier, wie unterschiedlich man „Armut“ und  „Reichtum“ beurteilen kann.

B.R. Juli 2022