Bildlegende: Unter der Altstadt die Installation –> Strohballen bedeckt mit gehäkelten Rosetten – alte Traditionen verschränken sich, es ist auch eine Huldigung der Frauenarbeit.

Ostuni

Heute geht die Fahrt weiter, ich freue  mich auf Ostuni, das ich bisher nur  aus der Ferne gesehen habe. Ostuni war mir immer eine Verheissung – heute ist der Tag, die Stadt zu besuchen. Erst ist es nicht einfach, die Altstadt zu finden, denn es ist das alte Ostuni, ohne Verkehr das lockt, in den Abhang gebaut: verschlungene Gassen, welche etwas Kühle bewahren an den heissen Tagen,  nordafrikanische Atmosphäre, strahlendes Weiss vor sattem  Grün und trockenem Gelb, darüber und davor mächtig das Azurblau von Himmel und Meer!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Spaziergang lohnt sich unbedingt, mit Zeit, sich zu verlieren. Doch die touristische Ausbeutung der schönen Lage und der Altstadt, die einen in eine andere Zeit versetzt, verdirbt etwas die Freude. Nach caffè und cappuccino und der Einsicht, dass  wir Ostuni auf der geplanten Reise mit Gästen umfahren werden, wählen wir den Weg über eine schmale Strasse, mehr Veloweg, nach Alberobello – Locorotondo – Cisternino.

Valle d’Itria

Wir fahren durch eine Märchenlandschaft, das Valle d’Itria, zwischen kunstvoll aufgeschichteten Steinmauern, sie grenzen die Kirschen  und Olivenbäume von der schmalen Strasse ab. Dass der Traum harte Realität, zeigen vereinzelte, von Xylella verstümmelte Olivenbäume. In diesem Tal jedoch blitzen Büschel roter Kirschen auffordernd aus dem dichten Laub hervor – „wir sind reif“, pflücke uns! Und so begegnen wir immer wieder – dreirädrigen „Api’s“ vollbepackt mit der roten Pracht auf dem Weg zum nächsten Markt oder zum Eingang eines Dorfes, wo die Käufer auf die Früchte warten. Wir gesellen uns dazu und geniessen frisch gepflückte, noch sonnenwarme und süsse Kirschen!

In den Feldern sind überall verteilt Trulli, zusammengabaute Anlagen, weiss getünchte Anlagen, vereinzelte Trullis halb verfallen, und auch zu schönen Wohn- oder Feriensitzen ausgebaute Trulli-Häuser. Die ganze Landschaft zwischen Ostuni bis Cisternino ist Trulli – Land. Hier würde ich mich niederlassen und gut leben, hätte ich nicht auch diesen Zug zum Meer in mir.

Olivenbäume

Nach ausgiebigen Fotohalten fahren wir nun auf direktem Weg nach Salice Salentino. Was mich beschäftigt dabei sind die Olivenbäume: Ich halte rechts und links Ausschau nach gesunden Bäumen, nach Zeichen einer Wende, und was mir auffällt, sind neu gepflanzte Anlagen junger Bäume, weiter viele offensichtlich befallene und stark gestutzte Bäume. Sie haben vom Boden her starken Wuchs und einzelne neue Äste, die sich mit ihrem salbeifarben-silbrigen Laub wieder wie Kronen im Winde wiegen.  Gerne wüsste ich mehr darüber, was an der Olivenfront im Süden geschieht. Das Bild ist gesünder als vor einem Jahr.

Angekommen in der Casa Marchese, in Salice Salentino, entdecke ich ein Heft zum Salento, darin lese ich in einem  Artikel zum Thema, dass es Besitzer gibt, die ihre Bäume ausmachen und an ihrer Stelle eine Fruchtbaumplantage anlegen, Avocadoplantagen, eine grosse Granatapfel-Produktion. Andere Bauern pflanzen in ihre Erde junge Bäumchen einer Sorte, die resistent sein soll gegen das Bakterium. Wieder andere pfropfen auf die Baumstümpfe Zweige resistenter Sorten auf. Neue Anlagen pflegen oft wieder mehr Mischkultur zwischen Oliven- und Fruchtbäumen, wie dies früher einmal üblich war, und wie wir es im Valle d’Itria sahen.

 

 

 

Casa Marchese und etwas salentinische Geschichte

Wir kommen an in unserem Zuhause für die nächsten 5 Nächte, in einem typischen salentiner-Haus, wo die Räume von hohen Kreuzbogengewölben überdacht sind. So bleiben sie kühl und wir haben eine angenehme Atmosphäre. Giovanni Greco, unser Gastgeber, zeigt uns seinen Garten mit den vielen fremdländischen Setzlingen, die vielleicht ausschlagen werden. In seinem Garten hat er Reste einer alten Kirche entdeckt, auch ein Grab – wir sind im Salento angekommen, im Land der Messaper, wie die frühen Bewohner sich nannten, die „Menschen im Land zwischen den beiden Meeren“. Ihre Anwesenheit hier ist ca. seit dem 8. Jdt. v.Chr. bestätigt. Sie sind aus Illyrien oder aus Kreta hierher gezogen, man ist sich nicht einig. Später folgten Griechen, Römer, wieder Griechen,  Langobarden, Normannen, Staufer, Sarazenen, Albaner, Türken, Spanier… der östlichste Ort Italiens ist ca. 70 km von der albanischen Küste entfernt, etwas südlich von Otranto.
Doch bereits früher lebten Menschen hier: In Höhlen hat man Funde von Menschen aus der Zeit um 20 000 v.Chr. gemacht, und in der berühmten Grotta dei Cervi zeugen die audrucksstarken Felszeichnungen von einer lebhaften Agrar – Kultur.

 

 

 

 

Bald geht es weiter auf dieser Reise zu Menschen und Landschaften in Süditalien.

BR. Juli 2022